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Juckreiz (Pruritus)

Allgemeines
Juckreiz, auch als Pruritus bezeichnet, ist ein Begleitsymptom vieler Hauterkrankungen wie Neurodermitis, Schuppenflechte (Psoriasis) oder Allergien, aber auch zahlreicher innerer Krankheiten wie beispielsweise Leber- und Nierenerkrankungen, Diabetes oder Anämie. Zur Abklärung der Ursache sind ein ausführliches Arzt-Patienten-Gespräch und eine körperliche Untersuchung sowie Laborbefunde erforderlich. Allergietests, Blut-, Ultraschall- oder Röntgenuntersuchungen und manchmal auch die Entnahme von Hautgewebe können bei der Suche helfen. Die vielfältigen Ursachen von Juckreiz und die komplexen Entstehungsmechanismen, die noch immer nicht vollständig aufgeklärt und verstanden sind, stellen Ärzte vor eine Herausforderung und machen eine effektive Therapie zuweilen schwierig. Gute Fortschritte in der Juckreizforschung der letzten Jahre verbessern zunehmend die Therapiemöglichkeiten. Für eine erfolgreiche Behandlung ist oftmals eine interdisziplinäre Zusammenarbeit verschiedener medizinischer Fachrichtungen erforderlich.

Ursachen
Das Spektrum der möglichen Ursachen für Juckreiz ist sehr breit gefächert. Es reicht von inneren Erkrankungen und Hauterkrankungen über trockene Haut bis hin zu psychischen Problemen. Aufgrund der Vielfalt möglicher Hintergründe für Pruritus, wie Fachleute das lästige und manchmal unerträgliche Jucken der Haut nennen, ist es bei längerem Anhalten wichtig einen Arzt zu konsultieren. Er wird mit einer eingehenden Befragung und einer genauen Untersuchung, unterstützt von Labortests, nach der Ursache suchen.

Die häufigsten Ursachen von Juckreiz sind Hauterkrankungen wie Neurodermitis, Ekzeme, Nesselsucht (Urtikaria) oder allergische Reaktionen. Häufige Auslöser allergischer Reaktionen der Haut sind beispielsweise Nickel, Duftstoffe oder chemische Substanzen sowie Nahrungsmittel und deren Inhalts- bzw. Zusatzstoffe oder auch Medikamente. Auch Hautinfektionen z.B. mit Hefepilzen der Gattung Candida (Candidose), Fußpilz oder trockene Haut (Xerodermie) sind mit zum Teil erheblichem Juckreiz verbunden. Als weitere Verursacher kommen Hautparasiten wie Skabies (Krätze) oder auch Insektenstiche in Frage. Eine Reihe von Infektionskrankheiten wie Windpocken, Masern oder Gürtelrose (Herpes zoster) und auch AIDS werden ebenfalls von Juckreiz begleitet.

Möglicherweise stecken aber auch hormonelle Ursachen, beispielsweise in den Wechseljahren (Menopause), oder schlicht das Älterwerden hinter der juckenden Haut (Pruritus senilis). Im Alter speichert die Haut generell weniger Feuchtigkeit und wird trockener. Ab 50 Jahren nimmt die Anzahl der Schweiß- und Talgdrüsen ab. Es wird weniger schützendes Hautfett produziert. Starker Juckreiz kann ebenfalls im Verlauf einer Schwangerschaft auftreten, besonders im letzten Drittel. Pruritus kann auch Anzeichen für Durchblutungsstörungen sein.

Zu den inneren Erkrankungen, die Juckreiz verursachen können, zählen insbesondere Leberkrankheiten, z.B. solche, die mit einem Gallestau im Körper verbunden sind, und eine chronische Nierenfunktionsschwäche. Letztere kann einen schweren, nicht unterdrückbaren Dauerjuckreiz auslösen, da Harnstoff nicht ausreichend mit dem Urin ausgeschieden wird und in die Haut gelangt. Auch Störungen der Blutbildung wie Morbus Hodgkin (Lymphdrüsenkrebs) oder eine Krankheit, namens Polycythaemia rubra vera, die durch eine unkontrollierte Vermehrung von Blutzellen, insbesondere der roten Blutkörperchen, gekennzeichnet ist, sind von Juckreiz begleitet. Weitere Erkrankungen, die Juckreiz auf der Haut verursachen, sind Eisenmangelanämie, das ist eine durch Eisenmangel verursachte Blutarmut, sowie Stoffwechselerkrankungen wie der Diabetes mellitus (Zuckerkrankheit), Schilddrüsenerkrankungen wie Über- oder Unterfunktion und bösartige Tumore (solide Malignome).

Die Region um den After und das Genital sind ebenfalls häufig von Juckreiz betroffen. Ursache können hier beispielsweise Hämorrhoiden oder ein Analekzem sein. Aber auch Nahrungsmittelallergien - z.B. auf Gewürze, Zitrusfrüchte, Vitamin-C-Tabletten, Bier oder Cola - sowie Würmer, Kontaktallergien und Genitalherpes (Herpes genitalis) kommen hier als Ursache für Juckreiz in Frage. Bei Frauen kann beispielsweise ein Östrogenmangel in den Wechseljahren Juckreiz im Genitalbereich bedingen. Auch Pilzinfektionen, z.B. Candidosen, sowie mangelnde oder übertriebene Hygiene kommen hier als Auslöser von Juckreiz in Frage. Juckreiz auslösende Parasiten wie Filzläuse kommen ebenfalls in dieser Körperregion vor.

Verschiedene Medikamente können ebenfalls Juckreiz auf der Haut auslösen: Das kann etwa bei Antibiotika, bestimmten Mitteln gegen Epilepsie, Opiaten (Morphium) oder Blutplasmaersatzstoffen wie Hydroxyethylstärke der Fall sein. Auch während der Einnahme bestimmter ACE-Hemmer gegen Bluthochdruck und Herzmuskelschwäche oder des Einsatzes bestimmter Mittel gegen Pilzerkrankungen der Haut kann vermehrt Juckreiz entstehen. Gleiches gilt für Arzneimittel zur Ausschwemmung von Wasser, die so genannten Diuretika. Wichtig: Die Medikament keinesfalls eigenmächtig absetzen! Mit dem Arzt über Alternativen sprechen.

Neben Erkrankungen, Allergien, Infektionen und Parasiten können aber auch psychogene Faktoren wie Nervosität sowie neurologische und psychische Erkrankungen wie Angststörungen Juckreiz bedingen. Auch einfache physikalische Reize wie Wärme etwa in überheizten Räumen, Kälte oder UV-Strahlung können die Haut zum jucken bringen.


Doch wie entsteht Juckreiz eigentlich, was passiert in der Haut, was im Organismus? An den genauen Ursachen wird noch geforscht. Bis zum Beginn der 1990er Jahre gingen Mediziner davon aus, dass Juckreiz eine Unterkategorie von Schmerz ist. Neurophysiologen der Universität Erlangen-Nürnberg widerlegten diese Definition und läuteten damit ein neues Kapitel in der Pruritusforschung ein. Die Wissenschaftler fanden spezielle Juckreizfasern, spezielle Nervenbahnen für Juckreiz, in der Haut. Seitdem werden gute Fortschritte in der Erforschung und Behandlung von Juckreiz gemacht. Bislang sind allerdings noch nicht alle Überträgersubstanzen und ihr Zusammenwirken bekannt, die für den Pruritus verantwortlich sind. Sicher ist, dass Juckreiz sowohl chemische als auch physikalische und mechanische Ursachen haben kann. Aktuell erforschen die Mediziner die Wirkung des Juckens im Gehirn und sind auf der Suche nach möglichen genetischen Ursachen. In einigen deutschen Städten, z.B. in Münster (UKM), Düsseldorf, Berlin, Heidelberg und München sind bereits Juckreizambulanzen entstanden. Ziel dieser Kompetenzzentren ist eine verbesserte Versorgung der Patienten mit chronischem oder besonders heftigem Juckreiz.

Die Rezeptoren in der Haut können zum einen durch chemische Botenstoffe wie Histamin angeregt werden. Zum anderen können auch Entzündungen verursachende Eiweißbestandteile (proteolytische Enzyme) Juckreiz auslösen. Auch eine direkte Reizung von Nervenendigungen in der Haut oder eine Juckreizstimulation vom Gehirn aus ist möglich. Die Reize werden anschließend von den Rezeptoren mittels Ausschüttung von Nervenbotenstoffen in Signale umgewandelt und über spezielle juckreizverarbeitende Nervenbahnen im Rückenmark zum Gehirn weitergeleitet.

Behandlungsmöglichkeiten
Die Therapie des Pruritus richtet sich nach der auslösenden Ursache und muss individuell in Abhängigkeit von Patient und Erkrankung zusammengestellt werden. Zunächst gilt es, nach möglichen Grunderkrankungen wie Neurodermitis, Diabetes oder Schilddrüsenfunktionsstörungen zu suchen und diese bestmöglich zu therapieren. Gelingt es nicht, eine zugrundeliegende Krankheit zu identifizieren oder zufriedenstellend zu behandeln, müssen die Symptome in Angriff genommen werden. Bei chronischen Formen des Pruritus bleibt eine Therapie dennoch oft unzureichend und unbefriedigend. Doch: Juckreiz kann heute erfolgreich behandelt werden, sagen die Experten der Juckreizambulanzen. Am Universitätsklinikum Münster arbeiten dazu beispielsweise Mediziner aus sechs verschiedenen Fachrichtungen (Anästhesie, Dermatologie, Innere Medizin, Neurologie, Psychosomatik und Radiologie) am Kompetenzzentrum Chronischer Pruritus zusammen. Bei immerhin etwa 70 Prozent ihrer Patienten haben sie damit ganz oder zumindest teilweise Erfolg. Zum Einsatz kommen neben der Behandlung der Grunderkrankung juckreizstillende Medikamente, Cremes, Sprays und Lotionen. Mitunter ist eine begleitende Psychotherapie sinnvoll. Dabei werden unter anderem Entspannungs- und Verhaltensstrategien aufgezeigt, die verhindern sollen, dass der ständige Zwang zum Kratzen den Alltag bestimmt.

Trockene Haut sollte besonders schonend gereinigt (milde Waschsubstanzen mit Haut-pH, lauwarmes Wasser, kurzes Duschen etc.) und mit Basispflegeprodukten regelmäßig rückgefettet und mit Feuchtigkeit versorgt werden.
Um den Juckreiz-Kratz-Kreislauf zu unterbrechen z.B. kalten Waschlappen auflegen oder  leichten Druck ausüben. Bequeme, reizarme Kleidung tragen, z.B. aus Baumwolle. Stress und Angst vermeiden.
Für die äußerliche Anwendung stehen dem Arzt verschiedene Arznei-Wirkstoffe zur Verfügung wie Glukokortikoide, Cannabinoid-Gegenspieler, kühlende Schüttelmixturen, lokale Betäubungsmittel wie Polidocanol oder Antihistaminika gegen allergische Reaktionen. Darüber hinaus können je nach Einzelfall diverse weitere Wirkstoffe zum Einsatz kommen wie Capsaicin, Kampfer, Menthol, Tacrolimus, Pimecrolimus, Crotamiton, Harnstoff, Johanniskraut u.a.
Die innerliche Einnahme bestimmter Medikamente ist eine weitere Behandlungsoption. Als Wirkstoffe stehen dem behandelnden Arzt unter anderem zur Verfügung: Antihistaminika, Doxepin, Glukokortikoide, Ciclosporin A, Ondansetron, Paroxetin sowie Opioide. Weitere Therapieoptionen sind die physikalische Therapie: kutane Feldstimulation oder Akupunktur sowie die UV-Bestrahlung als Photo- oder PUVA-Therapie. Bei einem Teil der Patienten ist ähnlich dem Schmerzgedächtnis ein Juckreizgedächtnis entstanden. Trotz erfolgreicher Therapie der eigentlichen Ursache tritt der Juckreiz weiterhin auf. Hier kann man versuchen die Nervenbahnen mit speziellen Medikamenten umzuprogrammieren.
Bei chronischen Erkrankungen kann auch der Kontakt zu Selbsthilfegruppen sehr hilfreich sein.
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