 |
Die Massai in Kenia zeichnen sich durch künstlich in die Länge gezogene
Ohren aus. In Südäthiopien lassen sich Frauen vom Stamm der Surma sechs
Monate vor der Hochzeit die Unterlippe durchstechen, um diese dann mit
Hilfe von Scheiben zu verlängern. Je größer die Scheibe zum Zeitpunkt
der Hochzeit, desto höher der Brautpreis. In Teilen Indiens gilt Nasen-
und Ohrschmuck als Zeichen von Reichtum. In Malaysia perforieren sich
Hindus bei religiösen Festen Wangen und Haut am Oberkörper.
In
Europa war, außer als Ohrschmuck, das Durchstechen der Haut lange Zeit
ungebräuchlich. Ähnlich den Tätowierungen erlebte Piercing in den
gesellschaftlichen Randgruppen des 18. Jahrhunderts eine Renaissance.
Man grenzte sich bewußt gegen die "normalen" Bürger ab und schuf sich
ein Zugehörigkeitszeichen zu einer eigenen Gruppe. So ließen sich
Matrosen nach jeder Äquatorüberquerung einen weiteren Ohrring stechen.
Der
Nasenring ist ein Mitbringsel der Hippies von ihren Pilgerfahrten. In
der modernen westlichen Gesellschaft wird Piercing als Zeichen der
Abgrenzung, als Ausdruck der Zugehörigkeit zu einer bestimmten Gruppe,
als Schmuck und als Fetisch verstanden.
Techniken
Das
Piercen an sich geht sehr schnell und ist relativ einfach. Es sollte
jedoch nur von Personen mit ausreichenden Kenntnissen über Anatomie
(Verlauf von Gefäßen, Nerven), Sterilisation, Hygiene, verwendete
Materialien und deren Eigenschaften sowie Wundheilung durchgeführt
werden. Die zu piercende Hautstelle wird zunächst desinfiziert und
unter Umständen mit einem Stift markiert. Danach wird die Haut bzw. der
Knorpel an der betroffenen Stelle blitzschnell - Dauer ca. eine Sekunde
- durchstochen, wobei es drei Techniken gibt:
- Mit einer Hohlnadel (Needleblade), an der dann das Schmuckstück eingehängt und in den Stichkanal eingeführt wird.
- Mit einer sogenannten Braunüle (Venenverweilkatheter): Bei
dieser Methode wird der metallische Teil der Braunüle wieder
herausgezogen. Es bleibt ein hohler Plastikschlauch, an dem das
Schmuckstück eingeführt wird.
- Mit einer Piercing-Pistole. Dabei wird ein sterilisierter Stift durch die gewünschte Stelle in der Ohrmuschel geschossen.
Bei allen Verfahren können kurzzeitig kleinere Blutungen auftreten.
Die Anwendung der Pistole im knorpeligen Anteil der Ohrmuschel führt
zur Zertrümmerung von Knorpelgewebe. Damit verlängert sich die
Heilungszeit und das Risiko einer Entzündung steigt. Für die Pistole
ist das Ohrläppchen besser geeignet, da es nur Fettgewebe enthält. Nach
erfolgreichem Piercing wird die betroffene Hautstelle gründlich
gereinigt, noch einmal desinfiziert und ein Wundverband angelegt.
Es gibt kaum eine Körperregion, die nicht durchlöchert und mit
Ringen oder Metallstiften verziert wird. Beliebte Piercing-Stellen sind
Ohren, Augenbraue, Nasenflügel Nasenwurzel, Nasenscheidewand, Zunge,
Lippen, Bauchnabel, Brustwarzen und äußere Geschlechtsorgane.
Mögliche Komplikationen
Um
ein Piercing-Studio zu betreiben benötigt man nur einen Gewerbeschein.
Auch die Gesundheitsämter überprüfen zwar die Sauberkeit, aber nicht
die Qualität der Piercer. Dabei gilt, Piercen muß so sauber und
hygienisch wie möglich durchgeführt werden. Denn die Rate der
Nebenwirkungen hängt vor allem von den hygienischen Voraussetzungen und
der Erfahrung des Piercers ab.
Die möglichen Komplikationen bei allen Piercings reichen von
begrenzten Infektionen im Bereich der Einstichstelle, allergischen
Reaktionen auf Metalle im Schmuck, Desinfektionsmittel,
Schutzhandschuhe, Pflegematerialien, über Wundheilungsstörungen und
Nervenverletzungen bis zu Narbenbildungen und Infektionen mit
Hepatitis-Erregern oder dem HI-Virus. Besonders komplikationsreich sind
Piercings der Zunge, des Zungenbändchens und der inneren
Wangenschleimhaut, da die eingesetzten Metallteile im Mundraum viele
Nebenwirkungen haben können: Irreparable Zahnfleischverletzungen,
Behinderungen des Sprechens, Kauens und Schlucken oder der Atmung,
erhöhter Speichelfluß und Beschädigung der Zähne. Intimpiercings
benötigen eine besonders lange Heilungszeit. Diese kann bis zu einem
halben Jahr betragen und durch zu zeitigen Sexualverkehr sogar noch
einmal verlängert werden.
Ungefähre Heilungszeiten für verschiedene Piercings:
| Körperregion |
ungefähre Heilungszeit |
|
|
| Ohr |
|
| - Earlobe (Ohrläppchen) |
4-8 Wochen |
- Tragus (Knorpelvorsprung an der Gehörgangsöffnung) |
3-12 Monate |
| - Cartilage (Knorpel) |
2-3 Monate |
| Augenbraue |
2-3 Monate |
| Nase |
|
| - Nostril (Nasenseitenwand) |
2-3 Monate |
| - Septum (Nasenscheidewand) |
4-8 Wochen |
| - Bridge (Nasenwurzel) |
3-12 Monate |
| Zunge |
4-6 Wochen |
| Lippe |
|
| - Unterlippe |
6 Wochen |
| - Labret (Unterlippe Mitte) |
4-8 Wochen |
| Brustwarze |
3-9 Monate |
| Bauchnabel |
3-12 Monate |
| Genitalien männlich |
|
| - Pubic (Peniswurzel) |
2-6 Monate |
| - Frenum (Vorhautbändchen) |
2-3 Wochen |
| - Foreskin (Vorhaut) |
4-8 Wochen |
- Hafada/Skrotum (zwischen Hodensack und Penisbasis) |
2-4 Monate |
- Prince Albert (von der Harnröhrenöffnung zum Vorhautbändchen) |
4-8 Wochen |
| - Apadravya (vertikal durch den Penis) |
3-9 Monate |
| - Ampallang (quer durch die Eichel) |
3-9 Monate |
| - Dydoes (durch den Eichelrand) |
3-6 Monate |
| Genitalien weiblich |
|
| - Clitoral Hood (Klitorisvorhaut) |
4-12 Wochen |
| - Inner Labia (innere Schamlippen) |
6-8 Wochen |
| - Outer Labia (äußere Schamlippen) |
6-12 Wochen | Bezüglich der Vorbeugung
möglicher Nickelallergien hat das Bundesministerium für Gesundheit im
Juni 2000 eine Verordnung erlassen. Diese legt unter anderem für
nickelhaltige Gegenstände, die
unmittelbar und längere Zeit mit der Haut in Berührung kommen, wie z.B.
Ohrschmuck, Ringe, Halsketten und Armbänder, eine Höchstmenge (0,5mg/cm2/Woche)
für die Freisetzung von Nickel fest, die nicht überschritten werden
darf. Ohrstecker und ähnliche Erzeugnisse, die beim Ohrlochstechen oder
Piercen bis zum Verheilen der Wunde im Körper verbleiben, dürfen bis
auf geringe Spuren (Nickelgehalt unter 0,05%) kein Nickel enthalten.
Eine Empfehlung über "Anforderungen der Hygiene beim Tätowieren und
Piercen" findet sich unter www.hygiene-klinik-praxis.de. |
 |