Haut und Zähne


Allgemeines
Zähne und Zahnentstehung
Erkrankungen / Syndrome mit Beteiligung von Haut und Zähnen
Zahnveränderungen
Nutzen der Inspektion von Zahnveränderungen


Allgemeines
Haut und Zähne scheinen auf den ersten Blick nicht allzu viel gemein zu haben, bei näherem Hinsehen aber finden sich solche Gemeinsamkeiten. Beide gehen aus dem gleichen Zelltyp hervor und haben erhebliche Berührungspunkte in der Entwicklung. Eine Reihe angeborener Erkrankungen betrifft daher gleichzeitig die Haut und die Zähne. Diese Tatsache spielt eine wichtige Rolle in der Diagnose von Hauterkrankungen: Sie kann durch einen Blick in den Mund häufig wesentlich unterstützt werden. Für Hautärzte sind daher grundlegende zahnkundliche und zahnmedizinische Kenntnisse von Bedeutung. Häufig kann auch die Zusammenarbeit mit Zahnärzten sinnvoll oder erforderlich sein.


Zähne und Zahnentstehung
Ein Zahn ist aufgebaut aus der Zahnkrone, bestehend aus sehr hartem, unempfindlichem Zahnschmelz über sensiblem Dentin, dem Zahnhals und der Zahnwurzel. Im Bereich der Zahnwurzel wird das Dentin durch so genannten Wurzelzement geschützt. Dentin ist weniger hart als der Zahnschmelz, jedoch schmerzempfindlich und anfälliger für Karies. Über die in den Wurzelbereich hineinragende Pulpa wird der Zahn ernährt, hier befinden sich Blutgefäße und Nerven. Bänder halten den Zahn in seiner Position im Knochen und dem umgebenden Zahnfleisch.

Schon 28 Tage nach der Einnistung in der Gebärmutter beginnt beim Fötus die Zahnentstehung. Als erste Anlage bildet sich die so genannte Zahnknospe. Sie besteht aus drei Teilen: Zahnschmelzorgan, -papille und -follikel, die sich später zu den jeweiligen Bestandteilen des fertigen Zahns ausdifferenzieren: Die Papille wird zu Dentin und Pulpa, der Zahnfollikel zu Wurzelzement, Zahnfach (Alveole) und Bändern.
Ungefähr in der 14. Schwangerschaftswoche beginnt die Mineralisierung des Milchgebisses. Wenn das Kind das zweite Lebensjahr erreicht hat, ist das aus 20 Zähnen bestehende Milchgebiss in der Regel fertig ausgebildet. Die bleibenden Zähne treten etwa ab einem Alter von 6 Jahren hervor. Das bleibende Gebiss besteht aus 32 Zähnen. Ärzte sollten bei der Untersuchung darauf achten, dass das Hervortreten der Zähne (Dentition) altersentsprechend erfolgt ist.


Erkrankungen / Syndrome mit Beteiligung von Haut und Zähnen
Hauterkrankungen sind oftmals nicht ganz leicht zu diagnostizieren, da ähnliche Symptome bei verschiedenen Krankheiten gleichermaßen auftreten können. Bei nicht wenigen Erkrankungen der Haut sind auch andere Bereiche des Organismus mit betroffen. Erst durch die gleichzeitige Betrachtung auch dieser so genannten systemischen Symptome lassen sich manche Hauterkrankungen und Syndrome sicher erkennen.
Eine ganze Reihe genetisch bedingte, infektiöse, entzündliche und immunologische Erkrankungen betreffen gleichzeitig die Haut und die Zähne. Betrachtet der Hautarzt die Zähne genauer, erhält er vielfach wichtige Hinweise darauf, um welche Hauterkrankung es sich handelt. So lassen sich Symptome der Haut besser deuten und die Therapie kann optimiert werden.
Zu den Erkrankungen, die Haut und Zähne gleichermaßen betreffen, gehören einige Pigmentierungsstörungen, Stoffwechselerkrankungen, erbliche (hereditäre) Immundefekte, Verhornungsstörungen und gewisse Tumorerkrankungen. Haut und Zähne sind ebenfalls betroffen bei „Schmetterlingshaut“ (Epidermolysis bullosa, EB) und bei angeborener Syphilis (Lues connata).

Bei bestimmten Pigmentstörungen (Hypomelanosis Ito, Bloch-Sulzberger-Syndrom etc.) sind streifige Aufhellungen der Haut (unregelmäßige Verteilung der färbenden Pigmentzellen) oder Bläschenbildungen mit Fehlbildungen von Zähnen, Haaren, Nägeln und Augen sowie der Nerven verbunden.
Für gewisse erbliche Immundefekte sind z. B. immer wiederkehrende Hautinfektionen und der Neurodermitis ähnliche Symptome in Verbindung mit Milchzähnen, die über den Zahnwechsel hinaus im Kiefer verbleiben, sowie Veränderungen an Zahnfleisch und Mundschleimhaut charakteristisch.
Einige seltene Verhornungsstörungen (Papillon-Lefèvre-Syndrom, Sjögren-Larsson-Syndrom) gehen oft mit Zahnlockerung oder frühem Zahnverlust (Zahnlosigkeit) einher.
Die ektodermale Dysplasie (ED) ist eine heterogene Gruppe von erblichen Defekten (ca. 150 verschiedene Syndrome), die Fehlbildungen an zwei oder mehr Strukturen hervorrufen, die aus dem äußeren Keimblatt (Ektoderm) hervorgehen, wie z. B. Haare, Nägel, Zähne, Haut und Schweißdrüsen.
Unter EB wird eine Gruppe blasenbildender Erkrankungen zusammengefasst. Die mechanische Verbindung zwischen den unterschiedlichen Hautschichten ist dabei nur unzureichend ausgebildet. Am und im ganzen Körper, z. B. auch in Mund und Speiseröhre, können je nach Subtyp Blasen und Wunden mit Narbenbildung entstehen. Verbunden ist EB häufig mit Entwicklungsstörungen der Zähne, einer Unterentwicklung des Zahnschmelzes und einer Anfälligkeit für Karies.


Zahnveränderungen
Aussagekräftige Veränderungen der Zähne im Hinblick auf die Haut können beispielsweise die Anzahl, die Form, die Größe oder die Farbe betreffen. Auch die Anfälligkeit für Karies und das Ausmaß der Mineralisation der Zähne, also die Anreicherung mit Mineralien, die den Zähnen ihre Festigkeit verleihen, können Hinweise auf bestimmte Hauterkrankungen oder Syndrome geben. Darüber hinaus können auch Veränderungen von Lippen, Mundschleimhaut und Speicheldrüsen mit Hautkrankheiten in Verbindung stehen.

Die am weitesten verbreiteten Abnormalitäten des Gebisses sind zusätzliche Zähne (Hyperdontie) und das Fehlen von Zähnen. Hypodontie ist die Nichtausbildung (Aplasie) eines oder mehrere Zähne. Fehlen mehr als 5 Zähne, nennt man das Oligodontie, und auch das Fehlen aller Zähne (Anodontie) kommt vor. Diese Gebissabnormalitäten können Merkmale verschiedener Syndrome sein, an denen sowohl die Haut als auch die Zähne beteiligt sind.
Für die sichere Diagnose einer Hauterkrankung oder eines Syndroms ist es für den Arzt allerdings wichtig, die Hintergründe des Zahnverlustes zu (er)kennen. In den meisten Fällen sind fehlende Zähne auf andere Ursachen zurückzuführen, wie den Verlust infolge von Karies, Zahnfleischerkrankungen, Durchblutungsstörungen oder Trauma.

Zahnveränderungen können zudem nicht nur Anzeichen für bestimmte Erkrankungen der Haut sein, sondern auch Folge einer Therapie, etwa nach der Einnahme bestimmter Medikamente zur Behandlung einer dermatologischen Erkrankung. Bei Hautkrankheiten, die Veränderungen an der Mundschleimhaut hervorrufen, wird zuweilen die Mund- und Zahnhygiene für die Betroffenen erschwert. Zahnschäden können hier die Folge sein. Zahnbehandlungen können demgegenüber auch unerwünschte Auswirkungen auf die Haut haben. Werkstoffe, die der Zahnarzt im Rahmen seiner Behandlung in der Praxis einsetzt oder auch zahnmedizinische Therapeutika können Allergien oder auch Hauterkrankungen auslösen. Die möglichen Zusammenhänge zwischen Haut und Zähnen sind also recht vielfältig und bedürfen einer besonderen Beachtung.


Nutzen der Inspektion von Zahnveränderungen
Sind die möglichen Zusammenhänge zwischen charakteristischen Zahnveränderungen und bestimmten Hauterkrankungen oder Syndromen bewusst, kann dies die Suche nach der richtigen Diagnose erheblich erleichtern. Durch eine frühzeitige, exakte Diagnose kann die Behandlung von Anfang an optimiert werden. Patienten im fortpflanzungsfähigen Alter kann der Dermatologe zudem eine genetische Beratung anbieten oder empfehlen.

Lit.: „Haut und Zähne“, Julia Heinlin et al., Hautarzt 2009, 60 (7): 583-598